
Einspruch diskutiert aktuelle Entwicklungen rund um nachhaltiges Planen, Bauen und Betreiben. In der zweiten Ausgabe sprechen Dr. Christine Lemaitre, geschäftsführender Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) und Vorsitzende der Wissensstiftung, sowie Prof. Thomas Auer, Professor für Gebäudetechnologie und klimagerechtes Bauen an der TU München und Ingenieur bei Transsolar, mit nbau Chefredakteur Dr. Bernhard Hauke über das Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) und den aktuellen Trend zur elektrischen Infrarotheizung. Im Mittelpunkt stehen die Fragen, ob die geplanten Änderungen tatsächlich zu einer Modernisierung des Gebäudebestands beitragen und welche Rolle elektrische Direktheizungen bei der Wärmewende spielen können.
Bernhard Hauke: Das Gebäudemodernisierungsgesetz sorgt derzeit für intensive Diskussionen. Was sind die zentralen Kritikpunkte?
Christine Lemaitre: Was viele irritiert, ist der Umstand, dass bereits getroffene Festlegungen zum Ausstieg aus fossilen Energieträgern wieder aufgeweicht werden. Stattdessen wird die sogenannte Biogastreppe eingeführt. Damit stellt sich unmittelbar die Frage, was an diesem Gesetz eigentlich modernisierend wirken soll. Der Begriff Gebäudemodernisierungsgesetz klingt nach Fortschritt, tatsächlich entsteht aber eher der Eindruck eines Rückschritts.
Besonders problematisch finde ich die Logik hinter der Biogastreppe. Sie endet gewissermaßen im Ungefähren. Wenn irgendwann ein Anteil von 60 Prozent erreicht werden soll, stellt sich die Frage, wie die verbleibenden 40 Prozent ersetzt werden sollen. Gleichzeitig wurden Anforderungen an erneuerbare Energien wieder abgeschwächt. Das ergibt für mich kein schlüssiges Zukunftsbild.
Hinzu kommt die zunehmende Diskussion um unterschiedliche Wasserstoffvarianten. Die Liste der Farben wird immer länger, und am Ende entsteht der Eindruck, dass die Lösung irgendwann durch eine Technologie kommen soll, die heute noch gar nicht verfügbar ist. Das wirkt stark nach Hoffnung und weniger nach einer belastbaren Strategie.
Bemerkenswert ist außerdem, dass die Kritik an diesem Entwurf aus sehr unterschiedlichen Teilen der Branche, aber auch von den Bundesländern kommt. Selbst Verbände und Institutionen, die normalerweise keineswegs radikale Positionen vertreten, äußern erhebliche Zweifel.
Thomas Auer: Ich würde sogar sagen, dass nicht einmal Hoffnung der zentrale Treiber ist. Hoffnung wäre ja etwas Positives. Für mich wirkt es eher so, als würde eine notwendige Transformation künstlich gestreckt.
Dabei lohnt ein Blick auf die historische Einordnung. Der Ausstieg aus fossilen Heizsystemen wurde nicht erst in den vergangenen Jahren beschlossen. Viele grundlegende Entscheidungen wurden bereits unter CDU-geführten Bundesregierungen getroffen. Das gilt für den Atomausstieg genauso wie für den Kohleausstieg und letztlich auch für den schrittweisen Ausstieg aus fossilen Heizsystemen.
Die aktuelle politische Debatte vermittelt häufig ein anderes Bild. Dabei wird vergessen, dass diese Entwicklung schon lange angelegt war. Für eine sachliche Diskussion ist es wichtig, das korrekt einzuordnen. Wenn wir über Biogas sprechen, müssen wir außerdem die Ressourcenfrage stellen. Woher sollen die notwendigen Mengen eigentlich kommen?
Bernhard Hauke: Oft wird dabei auf die Ukraine verwiesen.
Thomas Auer: Genau. Aber selbst wenn das theoretisch möglich wäre, bleibt die Frage, ob das sinnvoll ist. Wir sprechen über Flächen, die eigentlich für die Nahrungsmittelproduktion benötigt werden.
Christine Lemaitre: Das ist einer der Punkte, die ich besonders kritisch sehe. Teilweise wird argumentiert, dass bestimmte Flächen künftig für Energiepflanzen genutzt werden könnten, weil sie für andere Nutzungen wie im Fall der Ukraine durch die Kampfmittelkontamination nicht mehr bzw. erstmal nicht mehr für den Anbau von Pflanzen für die Lebensmittelproduktion zur Verfügung stehen. Das ist ja eher zynisch. Statt darüber nachzudenken, wie wir Ernährungssicherheit gewährleisten, diskutieren wir darüber, wie wir daraus Energie gewinnen können.
Thomas Auer: Dazu kommt die grundlegende Frage der Flächeneffizienz. Wir nutzen bereits heute erhebliche Flächen für den Anbau von Energiepflanzen. Würden wir dieselben Flächen mit Photovoltaik belegen, könnten wir ein Vielfaches an Energie erzeugen. Das zeigt, wie ineffizient viele Formen der Bioenergie im Vergleich zu anderen Technologien sind.
Bernhard Hauke: Über die Auswirkungen auf die Biodiversität haben wir dabei noch gar nicht gesprochen.
Thomas Auer: Genau. Auch dort entstehen zusätzliche Zielkonflikte. Ein weiterer Punkt sind die Gasnetze. Wenn immer mehr Menschen auf Wärmepumpen umsteigen, verbleiben immer weniger Nutzer im Gasnetz. Die Infrastrukturkosten verschwinden aber nicht. Sie müssen auf immer weniger Abnehmer verteilt werden. Das bedeutet zwangsläufig steigende Kosten für diejenigen, die weiterhin auf fossile Energieträger setzen.
Deshalb halte ich viele der aktuellen Vorschläge für problematisch. Sie vermitteln den Eindruck, als gäbe es langfristig gleichwertige Alternativen. Die ökonomische Entwicklung spricht jedoch eine andere Sprache.
Christine Lemaitre: Interessanterweise wird das mittlerweile auch von vielen Unternehmen so gesehen. Vor Kurzem sagte mir ein Vertreter eines großen Heizungsherstellers sinngemäß mit Ironie, dass er jedem, der heute noch eine neue Gasheizung einbaut, viel Erfolg wünsche. Das zeigt die Diskrepanz zwischen politischer Diskussion und Marktentwicklung. Viele Unternehmen haben längst verstanden, wohin die Reise geht, gerade auch, wenn man den Wettbewerb im Bereich der nachhaltigen Technologien gerade aus China im Blick hat.
Was mich stört, ist der Mangel an systemischem Denken. Wir reden über einzelne Technologien, ohne das Gesamtsystem mitzudenken. Dabei hängen Energieversorgung, Gebäudebestand, Industriepolitik und Wirtschaftlichkeit unmittelbar zusammen.
Thomas Auer: Genau das ist der entscheidende Punkt. Deutschland hat heute einen Strombedarf von etwa 500 Terawattstunden. Gleichzeitig benötigen wir rund 2.000 Terawattstunden fossile Energie für Wärme und Mobilität.
Wenn wir diese Energiemengen eins zu eins elektrifizieren wollten, würden wir vor gewaltigen Herausforderungen stehen. Deshalb brauchen wir Effizienztechnologien. Die Wärmepumpe ist genau eine solche Technologie. Sie vervielfacht die eingesetzte elektrische Energie und macht dadurch die Transformation überhaupt erst handhabbar.
Harald Lesch bezeichnet die Wärmepumpe als „Geschenk der Physik“. Das ist eine treffende Beschreibung.
Bernhard Hauke: Damit sind wir beim zweiten großen Thema: der Infrarotheizung. Sie wird häufig als einfache Lösung dargestellt. Ist sie das?
Thomas Auer: In den meisten Fällen nein. Das Grundproblem ist einfach erklärt: Bei einer elektrischen Direktheizung wird eine Kilowattstunde Strom zu einer Kilowattstunde Wärme. Bei einer Wärmepumpe entstehen aus derselben Kilowattstunde Strom drei, vier oder sogar fünf Kilowattstunden Wärme.
Nehmen wir eine durchschnittliche Wohnung mit etwa 75 Quadratmetern Wohnfläche. Selbst bei einem guten energetischen Standard ergeben sich bei einer Direktheizung deutlich höhere Betriebskosten als bei einer Wärmepumpe. Die Differenz kann mehrere Hundert Euro pro Jahr betragen.
Bei Bestandsgebäuden mit höherem Energiebedarf fällt dieser Unterschied noch deutlicher aus. Deshalb verstehe ich nicht, wie eine Lebenszyklusbetrachtung zugunsten der Direktheizung ausfallen kann.
Christine Lemaitre: Wir dürfen dabei auch die soziale Ebene nicht vergessen. Wir sprechen über steigende Wohnkosten, über Altersarmut und über bezahlbaren Wohnraum. Hohe Heizkosten treffen besonders diejenigen, die ohnehin nur geringe finanzielle Spielräume haben. Gerade der Ansatz der Einführung der Biogastreppe wird den Nutzer am Ende doppelt finanziell treffen. Biogas ist teuer und wird sicher nicht schnell günstiger, dazu kommen die steigenden CO2-Preise für fossile Energieträger, die ja auch vom Endkunden mit zu bezahlen sind.
Thomas Auer: Dazu kommen Fragen der Netzstabilität. Wenn an kalten Wintertagen viele Gebäude gleichzeitig elektrisch beheizt werden, entstehen enorme Lastspitzen. Dasselbe gilt für die Warmwasserbereitung über elektrische Durchlauferhitzer.
Für einzelne Anwendungen kann eine Infrarotheizung durchaus sinnvoll sein. Als Zusatzheizung im Bad etwa. Als flächendeckende Lösung für die Dekarbonisierung des Gebäudebestands sehe ich sie jedoch nicht.
Bernhard Hauke: Befürworter verweisen häufig auf erfolgreiche Pilotprojekte.
Thomas Auer: Und solche Projekte sind wichtig. Wir brauchen Innovation und Experimente. Die entscheidende Frage lautet aber immer: Ist das skalierbar?
Ein Projekt kann unter bestimmten Rahmenbedingungen hervorragend funktionieren. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass dieselbe Lösung für Millionen Wohnungen geeignet ist.
Christine Lemaitre: Genau diesen Diskurs vermisse ich häufig. Wir brauchen eine offene Diskussion darüber, welche Lösungen unter welchen Bedingungen funktionieren und wo ihre Grenzen liegen.
Stattdessen erleben wir häufig eine Lagerbildung. Einzelne Ansätze werden als die Lösung präsentiert, obwohl sie nur unter sehr spezifischen Voraussetzungen funktionieren. Das ist gefährlich, weil daraus schnell Fehlinvestitionen entstehen können.
Verantwortung bedeutet aus meiner Sicht, Innovation zu fördern und gleichzeitig ihre Grenzen klar zu benennen.
Thomas Auer: Wir reden in diesen Debatten oft auch über Menschen, die selbst gar nicht mit am Tisch sitzen. Über Mieterinnen und Mieter, über Familien mit begrenztem Einkommen oder über ältere Menschen mit geringen Renten. Deren Interessen sollten stärker berücksichtigt werden.
Bernhard Hauke: Blicken wir zum Abschluss nach vorne. Wie wird sich die Wärmewende aus eurer Sicht entwickeln?
Thomas Auer: Ich bleibe optimistisch. Die Menschen können rechnen. Und viele Eigentümer erkennen bereits heute, dass fossile Systeme langfristig weder wirtschaftlich noch zukunftsfähig sind.
Deshalb glaube ich, dass sich Wärmepumpen und andere effiziente Lösungen unabhängig von politischen Debatten weiter durchsetzen werden. Je mehr Menschen umsteigen, desto größer wird gleichzeitig der wirtschaftliche Druck auf die fossile Infrastruktur.
Christine Lemaitre: Diesen Optimismus teile ich. Außerdem hilft der Blick nach Europa. Die europäische Gebäuderichtlinie ist beschlossen, die grundsätzliche Richtung steht fest. Deutschland wird diese Vorgaben umsetzen müssen.
Für Unternehmen, Investoren und Planende bedeutet das vor allem eines: langfristig denken. Wer heute Verantwortung übernimmt, aber auch wirtschaftlich sinnvoll agieren will, sollte sich nicht von kurzfristigen politischen Debatten leiten lassen, sondern von den langfristigen Zielen der Transformation.
Bernhard Hauke: Vielen Dank für das Gespräch.
Der Text beruht auf dem urbaniq Einspruch #2: Gebäudemodernisierungsgesetz & Infrarotheizung vom 21. Mai 2026 Warum Gebäudemodernisierungsgesetz und elektrische Infrarotheizung zu einfache Antworten auf komplexe Fragen sind mit Dr. Christine Lemaitre und Prof. Thomas Auer. Das gesamte Gespräch gibt es in der urbaniq Mediathek.

